Presseschau: Zum Umgang mit dem Thema Gewalt im Fußball

03. November 2011

Gewalt beim Fußball war das Thema der vergangenen Woche. Drei Aspekte spielten dabei eine besondere Rolle: Der vorgestellte Jahresbericht der Zentralen Informationsstelle Polizeieinsätze, die live im ZDF gesendete Partie zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden, bei der es zu Ausschreitungen kam, sowie als wichtiger Hintergrundaspekt die Debatte um das Thema Pyrotechnik.

Unter den zahlreichen Berichten stellte die KOS im Folgenden einige Leseempfehlungen zusammen:

Mit dem am Dienstag vorgestellten Jahresbericht der ZIS (Zentrale Informationsstelle Polizeieinsätze) beschäftigt sich Michael Ostermann für sportschau.de (www.sportschau.de/sp/fussball/news201110/25/fans) unter dem Titel „Gestörte Kommunikation“. KOS-Leiter Michael Gabriel weist darauf hin, dass die reinen Zahlen, die mit 846 Verletzten (Polizisten, „Randalierer“ und „Unbeteiligte“) einen Negativrekord abgeben, in die richtigen Relationen gegenüber den friedlich ablaufenden Spielen zu setzen sei.

Für das Neue Deutschland beleuchtet Mark Wolter den ZIS-Bericht (www.neues-deutschland.de/…gehoert-gewalt-zur-fankultur). Der Artikel fragt provokant „Gehört Gewalt zur Fankultur?“ und betrachtet eingehender die Problemfelder Pyrotechnik und die Konflikte zwischen Ultras und Polizei – auch am Beispiel des Heimspiels von Hannover 96, bei dem 36 Fans durch Reizgas verletzt worden. Der Verdacht auf eingeschmuggeltes Pyromaterial bestätigte sich nicht.

„Nicht nur wilde Säue“ sieht Johannes Kopp für die taz (taz.de/Fussballfans-und-Gewalt…) in der Fanszene. Er lässt Fanvertreter zu Wort kommen, die den ZIS-Bericht in eine ganz andere Relation setzen: „Gemessen an den Besuchermengen, sei die Zahl der Verletzten mit der Zahl der beim Münchner Oktoberfest Verletzten vergleichbar, sagt etwa Norbert Harz vom Bündnis Aktiver Fußball-Fans (BAFF).“ Michael Gabriel von der KOS betont im Interview zudem die häufig ignorierten positiven Aspekte. So sei der Start der zweiten Liga im Sommer von viel Panikmache begleitet worden, über die ausbleibende Randale werde jedoch kaum berichtet: „Nun ist es dort ausgesprochen ruhig zugegangen. Jetzt fragt keiner, ob das Zufall ist oder vielleicht mit einer Entwicklung in der Fanszene zusammenhängt.“

Interessant im Kontext der Frage von Gewalt und Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und der Polizei ist auch ein Beitrag in der ZEIT (www.zeit.de/2011/44/P-Polizei/komplettansicht) von Rafael Behr, ehemaliger Dienstgruppenleiter und heute Professor für Polizeiwissenschaften an der Hochschule der Polizei in Hamburg. Er beschäftigt sich – allerdings ohne Fußballbezug – mit der Frage, ob die Gewalt gegen Polizisten wirklich zugenommen habe. Seine Antwort: „Die Gewaltwahrnehmung und -sensibilität ist, erstens, also gestiegen, nicht die Gewalt selbst. Als Gewalt wird, zweitens, heute schon empfunden, was früher noch keine Gewalt war.“

„Stadionbesuch weiterhin sicher“

Nach den Ausschreitungen Dresdner Fans beim Pokalspiel in Dortmund am Dienstagabend erhielt der ZIS-Bericht ebenso wie das Thema der Fußballgewalt in den kommenden Tagen nicht überraschend eine zusätzliche Dynamik. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau (www.fr-online.de/sport/…) stellt Michael Gabriel klar, dass die Ereignisse in Dortmund keineswegs alltägliche Geschehnisse seien. Die notwendige Relativierung und Einordnung  – und dazu gehöre auch die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Ursachen von Gewalt – werde viel zu schnell als Verharmlosung missverstanden.

Für Spiegel Online (www.spiegel.de/sport/fussball/…) kommentiert Mike Glindmeier die aktuellen Ereignissen und ruft insbesondere den DFB zu Besonnenheit und einen differenzierten Blick im Umgang mit den Ultras auf.

Christoph Ruf wirft für die Frankfurter Rundschau (www.fr-online.de/sport/krawalle-im-dfb-pokal…) einen genaueren Blick auf die randalierenden Dresdner und den ultratypischen Überbietungswettkampf mit der Frankfurter Konkurrenz. Er stellt jedoch auch fest: „Die überwiegende Mehrheit der Anhänger sind ganz normale Fußballfans, denen das schlechte Image der Szene wohl am meisten wehtut. Schließlich gefährdet es das, was ihnen so viel bedeutet: Die Existenz des Vereins.“

Auch die Fans selbst beschäftigten sich mit den Nachwirkungen des Pokalspiels. Die Stellungnahme der Dresdner Fangemeinschaft Dynamo e.V. (fangemeinschaft-dynamo.de/…zu-den-vorkommnissen-beim-dfb-pokalspiel-gegen-borussia-dortmund) enthält eine deutliche Distanzierung von bestimmten pyrotechnischen Mitteln ebenso wie von Gewalt, aber auch eine Kritik an Medien und Verbänden.

Das Dortmunder Fanzine schwatzgelb.de (www.schwatzgelb.de/2011-10-30…) nahm das Pokalspiel und die anschließenden Diskussionen ebenfalls zum Anlass für einen Beitrag zum Thema Fußballgewalt und kritisierte beispielsweise die allgegenwärtige Rede von den „sogenannten Fans“: „Die unangenehme Wahrheit ist, dass die deutliche Mehrheit dieser Leute eben doch Anhänger ihres jeweiligen Vereins sind und dass ihr Verhalten Ausdruck dieses Fanseins ist. Dies sollte man erst einmal zur Kenntnis nehmen, denn die Behauptung, Gewalttäter hätten per se keine Beziehung zum jeweiligen Verein, ist erstens großer Unsinn und zweitens für Vereine und Verbände eine höchstwillkommene Ausrede, sich mit dem Problem nicht allzu sehr auseinandersetzen zu müssen: ‚Die haben mit uns nichts zu tun. Da können wir nichts machen.‘“

Pyro und Ultras

Das Thema Pyrotechnik sollte in seiner Bedeutung für die aktuelle Eskalation nicht unterschätzt werden. Rafael Buschmann konstatiert bei Spiegel Online nach dem Abbruch der Gespräche zwischen der bundesweit vernetzten Pyrotechnikkampagne und den Fußballverbänden bereits vor den Pokalspielen eine „Pyrotechnik-Offensive“ (www.spiegel.de/sport/fussball/…). Mit diesem Hintergrund beschäftigt sich ebenfalls Christoph Ruf, diesmal für die Süddeutsche Zeitung (www.sueddeutsche.de/sport/fans-streiten-mit-verbaenden…) unter der Überschrift „Zündeln, um Macht zu demonstrieren“.

Aus Fanprojektsicht spricht Jörg Rodenbüsch, Leiter des Fanprojekts in Saarbrücken, mit der Saarbrücker Zeitung (www.saarbruecker-zeitung.de/aufmacher/…) über die aktuelle Eskalation. Er konstatiert ein Versagen der Verbände: „Die Ultras glauben nicht mehr an einen ernsthaften Umgang mit ihnen.  Wie sollen die moderaten Kräfte in ihren Reihen denn nun ihren Leuten erklären, dass es weiterhin Sinn macht auf einen lösungsorientierten Dialog zu setzen. Die Form des einseitigen Abbruchs durch die Verbandsvertreter hat den Ultra-Vertretern jegliches Mandat in ihrer Szene beraubt. Dieser Eskalationsschritt kann also niemanden überraschen.“

Forderung nach differenzierter Berichterstattung

Neben den hier empfohlenen ausgewogenen Presseberichten finden sich sowohl in der TV- als auch der Zeitungsberichterstattung zahlreiche Beispiele für einseitige Schilderungen mit einem hohen Hysteriegehalt durch die Beschwörung von Kriegsszenarien und die Diffamierung ganzer Fanszenen. Insbesondere die journalistische Begleitung des Pokalabends stand dabei in der Kritik. Auf dem Blog publikative.org nehmen Nicole Selmer und Andrej Reising in zwei Artikeln („Wie erzähle ich Fußballrandale?“ (publikative.org/2011/10/26/sogenannter-journalismus-wie-erzahle-ich-fusballrandale) und „Etwas Besseres als diesen Journalismus“ (publikative.org/2011/10/30/besser-jounalismus) eine medienkritische Betrachtung vor. Die Berichterstattung des ZDF kritisiert auch Peter Körte im Blog der faz-community (faz-community.faz.net/…pyro-poschmann-pokal). Bei sportal.de wirft Daniel Raecke einen Blick auf „Pyrotechnik und ‚Gewalt-Wahnsinn‘“ (www.sportal.de/…)

 


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