Verschärfung der Stadionverbotsrichtlinien Fanprojekte entsetzt über repressive Forderungen einiger Innenminister und Polizeivertreter

Montag, den 21. April 2008

Pressemitteilung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG) zur aktuellen Diskussion um die Stadionverbote:

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Ereignisse der letzten Wochen in verschiedenen Fußballstadien und die Berichterstattung darüber, legen den Schluss nahe, dass eine Welle der Gewalt durch Deutschlands Stadien rollt, die so noch nie beobachtet wurde. Und wie so oft sprechen verschiedene Verantwortliche bei Polizei und Innenministerien wieder von drohenden italienischen Verhältnissen.

Diesmal gehen einige Vertreter dieser Institutionen jedoch noch einen Schritt weiter und stellen einen direkten Zusammenhang der „Gewalttaten“ zu den vom DFB überarbeiteten Stadionverbotsrichtlinien her. Dies halten wir nicht nur für unseriös, sondern auch für faktisch falsch und gefährlich. Populistische und völlig überzogene Forderungen u.a. nach lebenslänglichen Stadionverboten durch den Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg sind nicht nur der hilflose Versuch, Probleme alleine mit Repression zu lösen, sie schüren auch Hysterie und gefährden letztendlich den sozialen Frieden.

Um genau eine solche, von Teilen der Polizei oftmals herbei geredete, Eskalation zu verhindern, hat der DFB beispielhaft und vorbildlich gehandelt, indem er in die Überarbeitung der Stadionverbotsrichtlinien alle Beteiligten mit einbezogen hat.

Es wird seitens verschiedener Vertreter der Polizei und der Innenminister offensichtlich bewusst verschwiegen, dass hierbei auch die Politik und die Sicherheitsbehörden sehr wohl mit eingebunden waren. Hat doch letztendlich der Nationale Ausschuss Sport und Sicherheit in einem abschließenden Beratungstreffen mit dem DFB zwar seine Kritik formuliert aber dennoch die neuen Richtlinien ausdrücklich mitgetragen.

Wer, wie Herr Freiberg und Herr Schönbohm, darüber hinaus behauptet, dass 3 Jahre bundesweites Stadionverbot als mögliche Höchststrafe zu kurz seien und förmlich zu Straftaten animieren würden, hat keine Ahnung vom Fandasein und verschweigt die Realität der aktuellen Stadionverbotssituation. Bei den über 3.000 bestehenden bundesweiten Stadionverboten handelt es sich mitnichten ausschließlich um Gewalttäter.

Gerade die teilweise willkürliche Aussprache von Stadionverboten für Bagatelldelikte wie z.B. das Anbringen von Aufklebern bzw. bei Einleitung eines Ermittlungsverfahrens, ohne das eine Schuld bewiesen ist, hat für den bestehenden Unmut auf Fanseite gesorgt.

Diesen Unmut hat der DFB sensibel wahrgenommen und versucht, im kontroversen aber konstruktiven Dialog auch mit den Fans und ihren Selbstorganisationen zu Lösungen zu kommen, die bei allen gemachten Kompromissen, von allen Seiten getragen werden können. Gerade durch die Einbeziehung von Fanorganisationen und die Reduzierung der Höchstdauer, aber noch viel wichtiger die Schaffung eines Anhörungsrechtes für die Betroffenen, wurde erreicht, dass auf Seiten der Fans die neuen Richtlinien größtenteils mitgetragen werden.

Es geht nicht um grenzenlose Freiheiten für Fans, Fehlverhalten muss benannt und gegebenenfalls sanktioniert werden. Hier sind auch die Fans selbst gefordert, mehr Verantwortung zu übernehmen und klare Zeichen gegen Gewalt in die eigenen Szenen zu geben. Dafür brauchen sie jedoch Unterstützung.

Wir, die Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte (BAG), ein Zusammenschluss aller pädagogischen Fanprojekte Deutschlands, plädieren deshalb für eine Entdramatisierung, eine sachliche Analyse, für differenzierte, angemessene und anlassbezogene Sicherheitskonzepte, sowie den Erhalt von Freiräumen für Fans und noch viel wichtiger, den weiteren Dialog mit ihnen. Einseitige ordnungspolitische und repressive Schnellschüsse führen nur zur Verhärtung der Fronten und damit letztendlich zu einer Eskalation.

Die geforderte Rücknahme der positiven Änderungen bzw. die geforderte Verschärfung der Richtlinien käme einer Kampfansage an die gesamte Fanszene gleich. Damit würden sich auf beiden Seiten nur die Hardliner durchsetzen. Dies kann nicht ernsthaft der geforderte Weg sein.

Der DFB ist hier mit der Novellierung der Richtlinien genau den richtigen Weg gegangen. Jetzt gilt es, dass er dabei von allen anderen Beteiligten ernsthaft und vernünftig in seinen Bemühungen um Dialog und Ausgleich unterstützt wird.

Der Unterstützung durch die pädagogisch arbeitenden Fan-Projekte kann sich der DFB hierbei sicher sein.

i.A. Ralf Busch / Ralf Zänger

Sprecher BAG Fan-Projekte


Artikel auf Seite 27
-->